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"Kyrill" bläst bei Philips die Lampen aus

21.01.2007

Zeitungsausschnitt aus: Aachener Zeitung
Erscheinungsdatum: 19.01.2007
Bericht über: Sturm Kyrill
Erscheinungsort: Aachen
Jahr: 2007
THW OV: Aachen

"Kyrill" bläst bei Philips die Lampen aus

Dramatische Stunden: Orkan legt Stadt lahm. Viele wichtige Straßen über Stunden gesperrt. Helfer bis zur Erschöpfung im Einsatz

Von unseren Redakteuren
Stephan Mohne und Oliver Schmetz

Aachen. Das hat Aachen - wenn überhaupt - schon sehr lange nicht mehr erlebt. Die halbe Stadt abgeriegelt, umherfliegende Dächer und Bäume, Feuerwehrleute und Polizei am Rande ihrer Kräfte, ein Weltunternehmen, das die Produktion einstellt, kein Aseag-Bus mehr auf den Straßen, eine Beinahe-Katastrophe im Tierheim - das sind nur Ausschnitte dessen, was sich gestern binnen weniger Stunden in dieser Stadt abspielte. Orkan "Kyrikk" raste mit all seiner Urgewalt und Orkanböen von bis zu 120 km/h durch den Talkessel. Das ging sogar soweit, dass die Feuerwehr mit Lautsprecherfahrzeugen durch die Straßen fuhr und die Menschen aufforderte, in ihren vier Wänden zu bleiben.
Dort waren zu diesem Zeitpunkt schon lange die Mitarbeiter von Philips. Das Unternehmen hatte sich entschieden, die Produktion einzustellen, die Mitarbeiter nach Hause zu schicken und die Nachtschicht ganz ausfallen zu lassen. Der finanzielle Schaden wurde im Sinne der Sicherheit in Kauf genommen. Die Gymnasien ließen nach der 4. Stunde Unterricht Unterricht sein, bei der Stadtverwaltung konnten die meisten der knapp 4000 Bediensteten selbst entscheiden, wann sie nach Hause gingen. Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer ließen ängstlicheBlicke umherschweifen.
Schon kurz nach Mittag flogen erste Äste durch die Gegend. Einen ersten heftigen Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte, gab es gegen 15 Uhr, als man bei einem "Dachsturz" am Boxgraben getrost von großem Glück sprechen konnte. Teile des Flachdachs krachten zunächst aufs Nachbarhaus, rissen ein Loch ins Dach und polterten dann auf den

"Natürlich ist solch ein Produktionsstopp eine finanzielle Einbuße, aber uns ist die Sicherheit unserer Mitarbeiter wichtiger."
Bettina Günther, Philips-Personalchefin

Bürgersteig und die Straße - direkt vor eine Kindertagesstätte. Die Ampel dort zeigte gerade Grün, sodass kein Auto getroffen wurde. Kurz vorher fielen zwei Birken auf die Hohenstauffenallee. Auch dort: Glück im Unglück, die Feuerwehr ließ die Motorsägen kreischen. In der Theaterstraße machte sich ein Auto selbstständig, das offenbar nicht richtig gesichert war. Schon am späteren Nachmittag - als "Kyrill" noch gar nicht in voller Stärke angekommen war - ließen sich die Einsätze kaum noch zählen. Überall lagen Bäume auf Wegen und Straßen - oder, wie in Wahlheim, auf parkenden Autos. Feuerwehr und Polizei fuhren Einsatz auf Einsatz.
Dramatische Stunden gab es auch im Tierheim: Nur knapp entgingen viele Tiere einer Katastrophe, als eine Pappel auf die Hundehäuser und das Katzengehege zu stürzen drohte. Bei den Fällarbeiten riss ein Zugseil und verfing sich in der Hochspannungsleitung, die über dem Tierheim verläuft. Sämtliche Mitarbeiter evakuierten in Windeseile die Tiere und brachten sie sogar im Büro in Sicherheit. Am Hauptbahnhof war derweil für viele Reisende Endstation. Wie im ganzen Land standen alle Züge still und die Fahrgäste vor einem Problem. Kurz vor 18 Uhr fielen am Adalbertsteinweg Dachziegel auf Bürgersteig und Autos. Polizisten konnten sich selbst nur knapp vor den umherfliegenden Dachpfannen retten. Hier geriet auch die Feuerwehr an ihre Grenzen. Wegen des immer stärker werdenden Orkans konnten die Drehleitern nicht mehr eingesetzt werden. Der Adalbertsteinweg wurde im Bereich des Gerichts komplett abgeriegelt. Dasselbe galt für die B 258 zwischen Brand und Kornelimünster, wo sich gleich mehrere Bäume quer über die Hauptstraße gelegt hatten. Nichts ging mehr. Ob Laurensberg oder Eilendorf, Richterich oder Brand, Innenstadt oder Haaren - es knallte an allen Ecken und Enden. Von Mittag an bis zum späten Abend gingen weit mehr als 500 Notrufe bei der Polizei ein.
Kurz nach 18 Uhr kam "Kyrill" dann allerdings erst in all seiner Urgewalt über Aachen. Böen von fast 120 Stundenkilometern fegten durch den Talkessel, in dem es sonst im Gegensatz zum Umland eher gemächlich zugeht. Da waren die Bürgersteige in der ganzen Stadt schon - im Wortsinn - wie leergefegt. Kurz vor halb sieben war die Monschauer Straße dran: Sie wurde wegen eines Unfalls auf der Strecke von Autobahn bis Siegel lange gesperrt. Zu diesem Zeitpunkt fuhr in der ganzen Stadt schon kein einziger Bus mehr. Um 18.15 Uhr rief die Aseag die gesamte Flotte ins Depot zurück. Erst nach 22 Uhr gingen die ersten Busse wieder auf die Strecke.

Auch das Technische Hilfswerk rückte aus und unterstützte Feuerwehr und Polizei. 140 THW-Helfer standen in erhöhter Alarmbereitschaft, rund 60 kamen abends zum Einsatz. Unter anderem sicherten sie einen Kamin, der in einem Haus in der Bahnhofstraße durchs Dach und die oberste Decke gekracht war. Kurz vor 20 Uhr kamen heftige Regenschauer dazu. Und ein Feuer: An der Schleidener Straße brannte ein Auto in einer Garage. An der Hangstraße (Steinebrück) war ein gefährdetes Haus vorerst nicht bewohnbar, in Lichtenbusch wurde die Raerener Straße gesperrt. Die verkehrstechnischen Lebensadern der Stadt waren in Teilen "abgeklemmt". An der Südstraße flog ein Toilettenhaus durch die Luft.
Erst kurz vor 23 Uhr flaute der Sturm leicht ab. Unter dem Strich blieb eine gute Nachricht: Verletzte oder gar Tote waren nicht zu beklagen. Heute - so spielt das (Wetter-)Leben - kann sogar die Sonne scheinen. Und es wird ein harter Arbeitstag für die Versicherungsleute: Es gilt, die Schäden zu bilanzieren. Überdies: Aufzuräumen gibt es garantiert genug.

Stärkster Sturm seit 13 Jahren
- Die Böen, mit denen "Kyrill" gestern Abend über Aachen hinwegfegte, erreichten Spitzenwerte von knapp unter 120 Stundenkilometer.
- "Jeannette", der letzte schwere Sturm in Aachen am 27. Oktober 2002, blies mit Windstärke 11. Der letzte Orkan mit Stärke 12 tobte am 27. Januar 1994 über Aachen.

Texte unter den Fotos:

Gespenstische Szenerie: Weil Dachziegel wie Geschosse auf die Straße knallten, wurde der Adalbertsteinweg abgeriegelt.
Foto: Wolfgang Plitzner

Glück gehabt: Als sich am Boxgraben ein Dach selbstständig machte, hätte deutlich Schlimmeres passieren könnten.
Foto: Wolfgang Plitzner

Ein typisches Bild an diesem Sturm-Tag: Wie hier an der Hohenstaufenallee mussten unzählige Bäume vor "Kyrill" kapitulieren. Die Feuerwehr kam kaum noch nach.
Foto: Wolfgang Plitzner

Endstation: Für viele Reisende ging es am Aachener Hauptbahnhof nicht weiter.
Foto: Martin Ratajczak



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